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Systemversagen: Wie wir Menschen mit psychischen Erkrankungen in Bildung und Beruf alleine lassen

Burkhard May

Ein erfolgreicher Bildungsweg und ein guter Job. Dinge, die mit psychischen Vorerkankungen nicht nur möglich sind, sondern auch nachweislich helfen Rückfällen vorzubeugen und die Lebensqualität deutlich zu verbessern. Theoretisch. Praktisch versperren die starren Strukturen in unserem Gesundheits- und Sozialsystem vielen Betroffenen den Zugang zu dringend benötigter, individueller Unterstützung. Mit fatalen Auswirkungen. Menschlich, wie ökonomisch.

Als vor anderthalb Jahren die Planungen zur wegeberatung langsam Form annahmen gingen wir davon aus, dass die „Psychologische Bildungs- und Berufsberatung“ - die Begleitung von Menschen mit psychischen Vorerkrankungen – nur einen kleinen Teil unserer Arbeit ausmachen würde.

Nicht, weil wir es so wollten. Wir nahmen schlicht an, dass ein modernes, wohlhabendes Land mit einem funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystem in der Lage sein würde, betroffenen Schülern, Studenten und Arbeitnehmern weitgehend zur Seite zu stehen.

Aus heutiger Perspektive war diese Annahme naiv. Mittlerweile machen Klienten mit „psychischer Vorgeschichte“ fast die Hälfte unserer Kunden aus. Die Mehrheit jung, zwischen 16 und 30 Jahren, mit einem breiten Spektrum an Diagnosen, angeführt von Depressionen, über Mobbingfolgen, Burnout und ADHs bis hin zu Angst- oder Zwangsstörungen – mit teils dramatischen Biographien.

Dieser Anteil ist schon deshalb bemerkenswert, weil wir außerhalb des therapeutischen/medizinischen Systems stehen. Wir behandeln nicht, wir beraten und helfen praktisch. Wir treten an dem Punkt auf, wo die akuten Symptome einigermaßen unter Kontrolle sind. Und, unsere Klienten müssen für unsere Angebote selbst aufkommen. Das kann nicht jeder.

Die Spitze des Eisbergs

Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass so viele Menschen unsere Angebote nutzen und es ist vor allem eine dankbare Arbeit. Die andere Seite ist ein immer wieder aufkeimendes Gefühl, es nur mit der „Spitze des Eisbergs“ zu tun zu haben.

Ich versuche es zu erklären.

Wenn ich mir den Hintergrund unserer Klienten ansehe, dann finde ich mindestens zwei Gemeinsamkeiten:

Erstens, alle haben funktionierende soziale Strukturen im Hintergrund. Eltern, Freunde, Geschwister. Menschen, die sich liebe- und verständnisvoll um sie bemühen, die ihnen Mut machen und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen. Wenn ich Klienten frage, wie sie auf uns gekommen sind, sind längst nicht alle selbst auf die Suche gegangen. Oft waren es eben nahestehende Personen, mit dem nötigen Problembewusstsein und dem Willen zu helfen.


Zweitens, sind alle aufgrund der eigenen Einkommenssituation, oder durch eher gut situierte Familien, in der Lage, unsere Arbeit zu finanzieren. Im schlimmsten Fall, beißt man finanziell etwas die Zähne zusammen. Aber gehen tut es. Und das betrifft nicht nur die direkten Kosten. Nicht wenige Klienten fahren große Distanzen. Der „Rekord“ in diesem Jahr lag bei gut 1000 Kilometern Anfahrt plus einer Woche Hotel. Auch das geht ins Geld.

Keine Zeit - Keine Individualität

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Wir freuen uns für und über jeden Klienten der diese Möglichkeiten hat. Und die Klienten selbst? Keiner der sich nicht bewusst gewesen wäre, dass viele andere nicht das „Privileg“ einer privaten Einzelbegleitung genießen können.

Die finanziellen Möglichkeiten zu haben, ist allein jedoch nicht ausschlaggebend, um zu uns zu kommen. Die Motive private Hilfe in Anspruch zu nehmen sind vielfältig. Das klingt dann z.B. so:

  • Ich glaube nicht, dass mir eine Therapie und Pillen allein helfen können.
  • Ich möchte nicht irgendwann in der Frühverrentung enden.
  • Mein Therapeut kann mir bei solchen Fragen nicht helfen.
  • Die Berater bei der Arbeitsagentur verstehen meine Situation nicht.

Dazu kommen zwei weitere zentrale Punkte, im Gewand von Zeit und Individualität:

Erstens, das Gefühl im Sozial- und Gesundheitssystem als anonyme Nummer mit einem Standardprogramm in 45 Minuten Taktung sowie einer vorgegebenen Maximalanzahl von Terminen abgespeist zu werden.

Zweitens, die Angst - oder auch unmittelbare Erfahrung – in billigst durch Krankenkassen, Rentenversicherungen und Arbeitsagenturen eingekauften Massen- und Gruppenangeboten unterzugehen.

Ist das so? Ich befürchte, die Realität kommt dem ziemlich nah.

Skepsis und offene Ablehnung

Als sich in unserer Arbeit das Thema psychischer Vorerkrankungen zunehmend herausbildete und uns klar wurde, dass unsere Klienten repräsentativ für einen viel größeren Bedarf sind, entschlossen wir uns nach Lösungen zu suchen, um auch Menschen ohne funktionierende soziale Strukturen und ausreichende finanzielle Mittel zu unterstützen. Geld sollte nicht im Zentrum stehen. Wir wollten etwas bewegen. Also kalkulierten wir an der Schmerzgrenze.

Was soll ich sagen? Ich würde Ihnen gerne mit einem Happy-End kommen. Ich würde Ihnen gerne erzählen, dass Psychotherapeuten, Ärzte, Kliniken und Arbeitsagenturen sich freuten, als wir mit ihnen Kontakt aufnahmen.

Vorgefunden haben wir, bis auf wenige sehr positive Ausnahmen, Skepsis bis hin zur offenen Ablehnung. Für viele Kliniken und Therapeuten war der pure Gedanke, sich mit Themen jenseits des klinisch-therapeutischen Alltags zu befassen, beinah absurd. Für die Arbeitsagenturen waren Menschen mit psychischer Vorgeschichte wahlweise eine Fall für das Gesundheitssystem oder die Rentenversicherung.

Um Geld, was wir ursprünglich für das Hauptproblem hielten, ging es praktisch nie. Egal was wir veranschlagten, es spielte keine Rolle.

"Die reden nicht miteinander..."

Das Telefonat mit einer Kollegin bei einer großen Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern, wird mir dabei besonders im Gedächtnis bleiben.

Nachdem Sie mir einige Minuten aufmerksam zugehört hatte sagte sie: „Das ist genau das was fehlt, ein gutes Konzept.“ Dann…Schweigen. Auf meine Rückfrage was Sie mir raten würde, um doch noch mit Kliniken und Co. ins Gespräch zu kommen, wieder ein Moment Schweigen. Tiefes Luftholen. „Wissen Sie, die kriegen es ja nicht mal auf die Reihe sich stationär und ambulant abzustimmen. Was meinen Sie…glauben Sie wirklich, dass da jemand noch mit Ihnen oder der Arbeitsagentur redet? Bleiben Sie bei Privatkunden. Mein Rat. Und wenn Sie etwas Soziales tun wollen, halten Sie vielleicht den einen oder anderen kostenlosen Vortrag. “.

Gewünscht habe ich mir das nicht. Aber immerhin, eine freundliche und ehrliche Antwort.

Die Angst vor dem freien Fall

Wer mit Betroffenen redet, sich in einschlägigen Foren oder sozialen Netzwerken umtut, stößt bei fast allen psychischen Krankheitsbildern auf Probleme in Beruf und Bildung. Und fast immer schwingt die Angst mit, früher oder später aus dem normalen Bildungs- und Erwerbsleben herauszufallen. Offiziell erwerbsunfähig und, ja, irgendwie auch nutzlos zu werden.

Immer wieder die gleichen Geschichten, auf der Suche nach Hilfe – die es kaum gibt, der Furcht vor dem sozialen Abstieg – der real droht, dem Eindruck, als verloren abgestempelt zu werden – was oft passiert.

Gleichzeitig wissen wir, dass Arbeit nicht nur krank macht, wie manche Medien zu vermitteln scheinen. Arbeit, Erfolg, etwas erreichen, für sich selber sorgen, ein normaler Teil der Gesellschaft zu sein und eben nicht nur ein Almosenempfänger – alles Dinge die helfen, psychische Erkrankung besser zu bewältigen.

Kein Ersatz für Therapien und Medikamente, aber eine wesentliche Ergänzung, die die Lebensqualität erhöht, Rückfallhäufigkeiten reduziert, sich positiv auf den Medikamentenbedarf auswirkt und am Ende sogar noch die sozialen Sicherungssysteme entlastet. Wer arbeitet, der zahlt auch etwas ein.

Die Konsequenz, in Form einer glaubwürdigen Vernetzung des Gesundheitssystems mit bildungs- und arbeitsmarktbezogenen Angeboten, wird nicht gezogen. Vor uns liegt oft genug eine klaffende Lücke, die mit standardisierten Massenmaßnahmen vom Fließband übertüncht werden soll.

Egal ob wir therapeutische Interventionen, medikamentöse Behandlungen oder Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation psychisch Erkrankter als Bezugspunkt nehmen, die Rückfallquoten bleiben ernüchternd. Zumindest dann (und das ist die Regel), wenn wir ausschließlich unmittelbare Krankheitssymptome fokussieren und darüber die Verbesserung der Lebensqualität, in all ihren Facetten, insgesamt vergessen.

Die Realität kommt dann dem ziemlich nah, was der amerikanische Psychologe Martin Seligmann in seinem Buch „Flourish“ als „Das Schmutzige kleine Geheimnis von Medikamenten und Therapie“ bezeichnet hat.

Unter dem Strich, eine menschliche und – auch das muss gesagt werden dürfen – eine stille, volkswirtschaftliche Katastrophe. Was hier an menschlichen Fähigkeiten und Geld verdunstet, kann kaum jemand berechnen.

Therapie + praktische Hilfe

Vieles weist darauf hin, dass ein Schlüssel zu massiven Verbesserungen die frühzeitige Integration von Therapie und Hilfe zur selbstständigen Lebensführung sein kann. Und dazu gehört auch die berufsbezogene Einzelfallunterstützung.

In den USA erwies sich z.B. der Ansatz des „Supported Employment“ als viel effektiver und günstiger, als der klassische Weg der beruflichen Rehabilitation bzw. Umschulung, der nach abgewickelten Maßnahmen die Teilnehmer wieder ihrem Schicksal überlässt.

Warum das bei uns nicht passiert? Abgesehen von ein oder zwei Pilotprojekten? Die Verantwortung allein beim Sachbearbeiter in der Behörde, dem Arzt, Psychotherapeuten oder dem Sozialpädagogen zu suchen, würde zu kurz greifen. Und ich glaube es wäre unfair. Im Einzelgespräch ist es nicht so, dass massive Probleme geleugnet würden. Fast jeder scheint sich im Klaren zu sein, dass etwas ganz grundsätzlich schief läuft.

Hierarchisch,starr und unbeweglich

Vielleicht ist ein starres und arbeitsteiliges Verwaltungssystem, welches Zuständigkeiten so eng definiert, dass jeder Schritt über die Grenze eine Herkulesaufgabe wird, Teil des Problems. Ein System, das linear denkt und Maßnahmen aneinander reiht ohne zu berücksichtigen, dass sich das Leben – damit auch das der Menschen die sich uns anvertrauen – nun mal nicht in graden Bahnen bewegt. Ein System, welches starre hierarchische, Führungs- und Organisationsphilosophien tief in unser Sozial- und Gesundheitssystem, bis in den Alltag von Kliniken, hineingetragen hat und übergreifendes Denken oder Arbeiten mal mehr, mal weniger direkt sanktioniert. Ein System, welches vorgibt nach ökonomischen Prinzipien zu funktionieren, aber die Folgen eigenen Handelns nicht langfristig berücksichtigt.

Den Rest erledigen tendenziell grenzwertige Arbeitsbedingungen im Gesundheits- und Sozialwesen.

Wer meint, der Arzt oder Therapeut in der Klinik würde sich entspannt eine goldene Nase verdienen, der hat noch nie in die Tarifverträge geschaut. Noch nie Einkommen, Arbeitsbelastung, Ausbildungsniveau und Verantwortung als Gesamtbild betrachtet.

Gerade bei den niedergelassenen Psychotherapeuten sieht es kaum besser aus. Über die Kolonnen prekär beschäftigter und unterbezahlter Mitarbeiter im Bereich der Bildungsträger und Sozialdienstleister brauchen wir da gar nicht mehr reden.

Wer ohnehin schon am Limit läuft, für den ist es schwer noch die Kraft zu entwickeln dauerhaft gegen ein fehlgeleitetes Gesundheits- und Sozialsystem anzukämpfen. Also wird geschwiegen, der Kopf unten gehalten und das Heil im Rückzug auf das eigene Zuständigkeitsgebiet gesucht.

Was sich ändern muss

So kann es nicht sein. Wir sollten anfangen über den Tellerrand zu blicken und uns für unsere Klienten und Patienten ganzheitlich einzusetzen. Für ihr Leben … nicht nur für ihre Krankheiten. Sollten bereit sein Grenzen zu überschreiten. Um das zu schaffen, müssen wir miteinander reden lernen, eine gemeinsame Sprache finden. Arbeitsagenturen mit Therapeuten, Therapeuten mit Kliniken und Beratern, wir alle mit unseren Klienten und Patienten.

Wir müssen willens sein ein System, welches auf die realitätsferne Abgrenzung von Zuständigkeiten setzt und lieber minderwertige, aber dafür inhaltlich standardisierte und kostentechnisch vereinheitlichte Maßnahmen individueller Hilfe vorzieht, in Frage zu stellen. Öffentlich, nicht hinter vorgehaltener Hand.

Ich bin ein wirtschaftlich denkender Pragmatiker. Kein Sozialromantiker. Unsere Mittel sind limitiert. Ich mag Effizienz, funktionierende Prozesse, Regeln und ja, ich mag sogar sinnvolle Kennzahlen, Statistiken und kostenbewusstes Arbeiten. Und eben dieser Pragmatiker sagt mir, dass man versuchen kann Dinge soweit zu kontrollieren, bis man irgendwann überhaupt kein Ergebnis mehr erzielt. Irgendwann, werden sinnvolle Leitplanken des Handelns zu Käfigen, die uns lähmen.

Kürzlich sagte ein hochkompetenter und engagierter Klinikmitarbeiter zu mir, dass ich ja mit vielem richtig läge, aber dafür müsste man das ganze Gesundheits- und Sozialsystem umkrempeln. Er hat geflüstert. Ich ahne warum.

Mehr zum Thema

Zeitungsartikel

Stefanie Kara: Psychisch krank und berufstätig : Mitten ins Leben; Die Zeit; 07.11.2013

http://www.zeit.de/2013/46/psychologie-therapie-arbeit

Fachartikel

Dr. med. Holger Hoffmann: Was macht Supported Employment so überlegen?; Die Psychiatrie; Schattauer; Ausgabe 02/2013

https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/dokumente/referate/versorgung-sozialmedizin/S3-LL_PsychSoz_Therapie/II._Arbeitsplatzreha_JCP_Psychiatrie_Hoffmann2013.pdf

Petra Bühring: Arbeit für psychisch Kranke: Ungenutzte Potenziale; Deutsches Ärzteblatt; 2014

http://www.aerzteblatt.de/archiv/153094/Arbeit-fuer-psychisch-Kranke-Ungenutzte-Potenziale

Bücher

Martin Seligmann hat als Mitbegründer der "Positiven Psychologie" einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Lebensqualität in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Flourish ist gut lesbar (auch mit geringen Fachkenntnissen) und liefert wichtige Gedanken und auch handfeste Studienergebnisse für eine moderne Psychologie.

Ein kleine Schwäche des Buches ist die - für europäische Leser - teilweise etwas sehr euphorische Darstellung seiner Arbeit und Person. Als Amerikaner sei es ihm gegönnt. Wer sich daran nicht stört kann etwas lernen, auf sehr kurzweilige Weise.

Marting Seligmann: Flourish – Wie Menschen aufblühen; Kösel Verlag; 2012

Bild: 76065494 @luxorphoto/fotolia.com

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