// Blog //

Mehr als "Null Bock": Wie Arbeitslosigkeit die Persönlichkeit verändert und was wir dagegen tun können

Burkhard May

Eine Studie unter deutschen Arbeitnehmern hat belegt, dass Arbeitslosigkeit zu erheblichen Persönlichkeitsveränderungen führen kann. Betroffen sind dabei insbesondere die Persönlichkeitsbereiche, die für beruflichen Erfolg von großer Bedeutung sind. Erkenntnisse, die gute Argumente für weitreichende Veränderungen im Umgang mit Arbeitslosen liefern.

Wer sich mit Arbeitgebern, aber auch Mitarbeitern von Arbeitsagenturen oder Personalvermittlungen unterhält bekommt schnell mit, dass besonders langfristig Arbeitslosen typische Eigenschaften zugeschrieben werden.

Ganz vorne auf der Liste stehen mangelnde Flexibilität, unzureichende Verlässlichkeit und Probleme im Sozialverhalten. Im letzten Fall, ganz besonders in Hinblick auf die Führbarkeit im Arbeitsalltag.

Alles Merkmale, die sich nachhaltig auf die Beschäftigungsfähigkeit von Langzeitarbeitslosen auswirken und – sei es durch Vorurteile oder wiederholtes berufliches Scheitern in der Praxis – die Rückkehr in ein stabiles Erwerbsleben erschweren.

Wer möchte – um ganz tief in die Klischeekiste zu greifen- Menschen beschäftigen, die chronisch verschlafen, unpräzise arbeiten, konsequent neue Aufgaben vermeiden und bei jeder Ansage des Vorgesetzten durch die Decke gehen?

Dass es sich hierbei um mehr handeln könnte als realitätsferne Vorurteile, hat eine bereits im Februar 2015 veröffentlichte Studie der britischen Universität Stirling über deutsche Arbeitnehmer/innen belegen können.

Im Abstand von vier Jahren nahmen die Studienteilnehmer an einem Persönlichkeitstest teil. Von den rund 7.000 Probanden/innen waren innerhalb des Studienzeitraums ca. 500 Personen zumindest zeitweise beschäftigungslos.

Die Messungen auf Grundlage des etablierten Persönlichkeitsmodells der BIG FIVE, zeigte bei den Teilnehmern mit Arbeitslosigkeitserfahrungen ein deutliches Absinken bei 3 von 5 gemessenen Persönlichkeitsmerkmalen.

Sowohl der Wert für Offenheit (u.a. Interesse an neuen und abwechslungsreichen Erfahrungen), als auch die Resultate für Verträglichkeit (u.a. Neigung zu Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen) sowie Gewissenhaftigkeit (u.a. Fähigkeit zu Besonnenheit und Selbstdisziplin) verschlechterten sich merklich.

Betroffen sind damit just die Aspekte, die Arbeitslosen traditionell als vermittlungshemmend angekreidet werden.

Dass vergleichbare Effekte nicht nur bei ehemaligen Arbeitnehmern wirken, sondern auch bei perspektivlosen Schulabgängern und arbeitslosen Ausbildungs- bzw. Hochschulabsolventen auftreten, ist mindestens wahrscheinlich.

Stellt sich die Frage, welche Konsequenzen Politik, Arbeitsagenturen und Betroffene aus dieser Erkenntnis ziehen können?

Die Umwelt formt den Menschen: Persönlichkeitsveränderungen sind normale Prozesse

Probleme bei der Re-Integration in den Arbeitsmarkt als reine Willensfrage zu deklarieren greift zu kurz, wenn nachweislich psychische Fakten geschaffen werden, auf welche die Arbeitslosen selbst nur begrenzt Einfluss haben.

Wir sollten lernen einzubeziehen, dass Arbeitslose mit persönlichen Vermittlungsschwierigkeiten durchaus auch Opfer „normaler“ psychischer Prozesse sein können.

Persönlichkeitsveränderungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind auch das Produkt der Lebensumstände in denen wir uns aufhalten.

Sprich: Am Ende kann es jeden treffen. Kein Anlass für Arroganz also.

Die Forschungsergebnisse liefern ein guter Anlass, um unser Menschenbild zu überdenken und, neben dem Primat von Fördern & Fordern, den Gedanken Hilfe & Zuwendung neuen Raum zu bieten, anstatt Arbeitslose als faul und widerspenstig zu stigmatisieren.

Individuelle Hilfsmaßnahmen: Keine Discountschulungen

Nicht nur die Erfahrung der Arbeitslosigkeit an sich führt zu den nachgewiesenen Effekten. Der größte Gegner ist die Zeit, also die Dauer der Jobsuche.

Damit kann es weder eine Option sein, Betroffene mit ihrer Situation allein zu lassen, noch mit einer Kombination aus Druck und qualitativ fragwürdigen Massenschulungen zu versuchen Bewegung zu erzwingen.

Wir brauchen persönliche Förderangebote, die den Bedürfnissen und Eigenschaften jedes Arbeitslosen Rechnung tragen können und von Beginn an, ohne überbordende bürokratische Hürden, verfügbar sind.

Ob Discount-Bildungsträger mit unterbezahlten und oft prekär beschäftigten Trainern, oder die Arbeitsagenturen als Verwaltungs- und Sanktionseinrichtungen selbst, diesen Anforderungen entsprechen können, darf man getrost in Frage stellen.

Ganz unabhängig von den jeweiligen Intentionen und Fähigkeiten der dort Beschäftigten. Die sind selbst oft genug in enge Vorgaben eingezwängt, die eine intensive, individualisierte Unterstützung erschweren, wenn nicht unmöglich machen.

Damit gehen Chancen verloren. Einiges spricht dafür, dass eine höhere Individualisierung der Unterstützungsangebote und echte Investitionen in die frühe Begleitung der Arbeitslosen, am Ende wesentlich günstiger kommen, als sich auf Jahre damit zu befassen, tief angeschlagene Menschen zu re-integrieren.

Menschen mental stärken: Neue Prioritäten setzen

Die gängige Förderpolitik stellt den Erwerb von praktischen Kompetenzen und Qualifikationen in den Mittelpunkt. Das kann sinnvoll sein, muss es aber nicht.

Das berufliche Profil Arbeitsloser durch fachliche Schulungen aufzuwerten mag im Einzelfall helfen die Chancen auf ein neues Beschäftigungsverhältnis zu verbessern. Aber, nicht nur das macht „harte“ Qualifikationsmaßnahmen für die öffentliche Hand attraktiv.

Fachliche Fortbildungen lassen sich leicht messen und planen. Laufzeiten sind vorgegeben, Preise damit auch. Inhalte sind problemlos mit den Bedürfnissen der Arbeitgeber in Abgleich zu bringen (Was braucht Ihr? Schweißer! Gut, qualifizieren wir mehr Schweißer…). Die Resultate der Qualifizierung sind konkret einzuordnen. Prüfung bestanden, oder eben nicht.

Weiterbildung verträgt sich damit hervorragend mit dem Anspruch viele Behörden, sich in Anlehnung an Unternehmen zu organisieren. Kennzahlen, feste Prozesslandschaften, alles betriebswirtschaftlich controllt, geplant und gesteuert.

Was dabei unter den Tisch fällt ist oft die mentale Stärkung Arbeitsloser. Eben durch eine persönliche, individuelle und partnerschaftliche Begleitung. Ganz ohne Stechuhr und Kostenkalkulation im Hintergrund.

Ein wesentlicher Baustein, um Motivation zu fördern und destruktiven Persönlichkeitsveränderungen entgegenzuwirken.

Jede noch so marktgängige Zusatzqualifikation oder Umschulung ist sinnlos verpulvertes Geld, wenn gleichzeitig die persönlichen Voraussetzungen bröckeln, um sich erfolgreich am Arbeitsmarkt zu platzieren.

Schlimmer noch, Arbeitslose investieren Kraft, Zeit und Hoffnung in Ihre Weiterbildung und machen dann doch oft genug die Erfahrung, dass es vergebene Mühe ist. So zerstört man noch den letzten Rest Antrieb.

Begreifen wir: Motivation ist nicht alles, aber ohne Motivation ist alles nichts.

Am Ball bleiben: Das Leben ist mehr als Jobsuche

Die Aufforderung an Arbeitslose, dem eigenen Leben Struktur zu geben und sich mit mehr zu befassen als der eigenen, misslichen Lage, klingt erst einmal sehr banal und altklug.

Dennoch wird es schwer wieder beruflich auf die Beine zu kommen, wenn rings herum Lebensabläufe und soziale Bindungen den Bach herunter gehen.

Wer es schafft sein Privatleben auch weiterhin zu organisieren, startet mit weitaus besseren Voraussetzungen in die Stellensuche. Die Umstellung auf den Arbeitsrhythmus fällt weniger schwer und die Übung in sozialen Kontakten bleibt erhalten.

Hier am Ball zu bleiben erfordert eine Menge Anstrengung und, ja, auch Leidensbereitschaft. Schließlich passiert es schnell, dass man bis spät in die Nacht aufbleibt und morgens kaum noch aus den Federn kommt, oder, dass Treffen mit Freunden oder Familie zum emotionalen Horrortrip werden, weil der Makel der Arbeitslosigkeit an einem haftet.

Aspekte, die einmal mehr für eine ganzheitliche Begleitung von Arbeitslosen sprechen, anstatt ausschließlich direkt berufsbezogene Themen zu fokussieren. Vielleicht mal ein wirklich lohnendes Thema, über das sich Politik und Arbeitsagenturen Gedanken machen sollten.

Schließlich kann eine Jobsuche – auch unter guten Voraussetzungen – schnell 12 Monate oder mehr beanspruchen. Das auch gut qualifizierte, extrem flexible Arbeitnehmer mit Mitte 30/Anfang 40 lange brauchen können, um wieder beruflich ein Bein auf den Boden zu bekommen, passiert häufiger als man denkt.

Fataler Weise genau die Personengruppe, für welche die - wie Sauerbier angebotenen Gruppen- und Billigangebote für Bewerbungstrainings und Co. – vom Niveau oft besonders sinnlos sind.

Zu allem Überfluss, scheint hier bei den öffentlichen Institutionen gern die Vorstellung zu dominieren, dass aktive Hilfe erst nötig ist, wenn das Kind ganz im Brunnen gelandet ist. Will sagen, wenn ALG II anklopft.

Wie wäre es also, wenn wir anfingen mutig zu sein und umzudenken? Die deutschen Arbeitslosenzahlen sind weiterhin beruhigend positiv. Naiv wer denkt, dass das für immer so bleiben muss.

Nutzen wir doch die Atempause, um neue Wege auszuprobieren. Jetzt haben wir die Zeit und das Geld für innovative Ideen. Machen wir was draus.

----------------------------------------------------

Wenn Sie mehr lesen möchten, die Details der Studie, können Sie unter folgendem Link abrufen (in englischer Sprache).

APA Paper: Personality Change Following Unemployment

Bild: 65137087 @lexmina/fotolia.com

Zurück

Einen Kommentar schreiben