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Einfach weggeträumt: Wie uns positive Zukunftsvisionen blockieren

Burkhard May

Wer ein schwieriges Ziel zu erreichen hat, der motiviert sich am besten, indem er es sich in den buntesten Farben ausmalt. Eine weithin geteilte Meinung. In der Bevölkerung und im Wunderland der Motivationsgurus sowieso. Aber kann es sein, dass es zu viel positives Denken gibt? Was wäre, wenn uns zu farbenfrohe Visionen ausbremsen, statt in Bewegung zu halten? Und wenn ja, was wäre die Alternative?

2016 ist noch jung. Genau die Zeit in der gute Vorsätze, oder die kleinen und größeren Pläne vom Jahreswechsel, zur Umsetzung anstehen. Oft passiert dann was? Relativ wenig. Leider. Aber immerhin: Der Gedanke war gut. Meistens jedenfalls.

Wenn es Ihnen ebenso geht, dann trösten Sie sich: Das Schicksal teilen Sie mit einigen Millionen weiterer Menschen. Das löst zwar nicht Ihr Problem, aber wenigstens sind Sie nicht allein.

Vermutlich werden Sie mir nicht wiedersprechen wenn ich behaupte, dass die Hauptursache des Scheiterns in Ihrer Motivation liegen dürfe.

I have a dream: Einfach ins Ziel imaginieren?

Je nachdem was bei Ihnen gerade Sache ist: Irgendwann haben Sie einfach keine Lust mehr sich nach Feierabend ins Fitnessstudio zu quälen, sich kontinuierlich auf Prüfungen vorzubereiten, sich die Zigarette beim Bier zu verkneifen oder die Chipstüte vorm Fernseher asketisch durch Gemüse zu ersetzen.

Die klassische Empfehlung der Umwelt lautet dann gerne „Positiv denken!“. Im Fundus vieler Motivationsgurus gibt es dann allerlei Übungen, z.B. zur sogenannten „Zielimagination“. Die sollen helfen die emotionale Bindung an Ihr Ziel zu erhöhen, um so Ihre Anstrengungsbereitschaft fördern.

Üblicherweise sollen Sie sich den großen Moment des Erfolgs wieder und wieder vorstellen. Ihn gedankliche Ausschmücken, in bunten Farben malen, die vielen Vorteile mit denen Sie für Ihre Mühen belohnt werden immer gegenwärtig haben.

Falls Ihre Antrieb doch droht Sie zu verlassen, dann springt Ihnen Ihr positiv besetztes Idealziel heldenhaft zur Seite und versorgt Sie mit dem nötigen Dampf, um allen inneren und äußeren Widerständen mutig zu trotzen.

Logisch klingt es schon:

Je attraktiver ein Ziel emotional ist, umso mehr sind sie bereit zu investieren, um es zu erreichen.

Soweit, so gut. Stellen wir uns vor es ist Anfang April. Drei Monate sind vergangen. Das Fitnessstudio besuchen Sie schon seit 2 Wochen nicht mehr, gelernt wird wieder auf den letzten Drücker, das Bier schmeckt wieder mit Zigarette und das gesunde Möhrchen ist auf wundersame Weise zu fettigem Knabberzeugs mutiert (Sachen gibt’s! ;-)).

Was ist passiert? Haben Sie plötzlich Gedächtnisprobleme bekommen? Schon vergessen wie toll es wird, wenn die Hose wieder passt, die Lunge nicht bei jeder Bewegung pfeift oder es in Prüfungen nur noch Einser hagelt? Nein!?

Hah! Ertappt: Sie haben zu wenig imaginiert! Ihr inneres Bild ist nicht rosa genug und total verschwommen. Kann ja nichts werden.

Denkbar. Vielleicht ist aber auch das genaue Gegenteil der Fall und Ihr Bild ist viel zu rosa. Zumindest legt dies die Forschung der Psychologin Gabriele Oettingen nah.

In mehreren Studien konnte sie belegen, dass es ein Zuviel an positiver Imagination geben kann welches am Ende die Wahrscheinlichkeit senkt ein Ziel auch wirklich zu erreichen.

In der Komfortzone: Ich bin schon da!

Rosa Visionen haben im „Jetzt“ einen beruhigenden Effekt. Was erstmal gut klingt hat einen Haken:

Wir brauchen innere Spannungen, um unsere Wünsche umzusetzen und die entstehen aus dem Kontrast zwischen der aktuellen Situation und einem erstrebenswerten Ziel.

Exzessives Imaginieren kann bewirken, dass wir uns die Belohnung für eine Anstrengung gewissermaßen abholen, bevor das Ziel erreicht ist. Die bloße Vorstellung des Gelingens kann somit ähnliche Konsequenzen haben, wie der tatsächliche Erfolg.

Die Anspannung sinkt, Versagensängste und Unzufriedenheit werden zurückgedrängt. Das lässt sich auch physisch, z.B. in Form eines sinkenden Blutdrucks, nachweisen. Unser „inneres Energiemanagement“ reguliert die Menge bereitgestellter Power herunter. Schließlich gibt es keinen Grund sich weiter anzustrengen. Wozu wertvolle Ressourcen vergeuden, wenn der gewünschte Zustand „emotional“ schon erreicht ist?

Gemein, oder? Unser inneres Energiemanagement ist – und das hat biologisch sehr viel Sinn – auf Ökonomie getrimmt. Nur wenige Spezies jagen ohne konkreten Hunger, denn sie können keine dauerhafte Lagerhaltung betreiben. Ein Löwe der 24 Stunden auf der Pirsch ist, würde irgendwann kein Futter mehr finden. Er würde zwar viele Gazellen erlegen, aber ohne Gefriertruhe hilft ihm das später – wenn es keine Gazellen mehr gibt – herzlich wenig. Schlauer: Kein Hunger – keine Jagd!

Also legt sich unser satter Löwe entspannt unter einen Savannenbusch, anstatt marodierend durch die Wildnis zu ziehen.

Bei uns ist das nicht viel anders: Ein gestilltes Bedürfnis erzeugt selten Motivation etwas zu tun. Ganz besonders dann, wenn wir keine Speichermöglichkeit haben. Glücksgefühle kann man nicht im Tiefkühler lagern.

Man kann jetzt natürlich argumentieren, dass wir uns als Menschen rational sehr wohl im Klaren sind, unser Ziel real noch nicht erreicht zu haben. Der Löwe kann das eher nicht. Ja, nur unser Gehirn kennt nicht unbedingt den Unterschied zwischen „echt“ und „eingebildet“. Entscheiden ist für das innere Energiemanagement in erster Linie was „gefühlt“ wirklich ist. Fast egal woher es kommt.

Wäre es anders, würden z.B. auch Drogen - als Mittel zur Realitätsflucht - massiv an Reiz verlieren. Auch hier sind positive Empfindungen, für die wir sonst Unannehmlichkeiten auf uns nehmen müssten, leicht zu haben.

Autsch: Realität!

Positive Imaginationen können aber noch mehr, als nur unseren inneren Antrieb ausbremsen.

Nebenbei beeinflussen sie auch nachhaltig die Fähigkeit mit der Realität und alltäglicher Frustration umzugehen.

Das Erleben negativer Emotionen trainiert unsere Fähigkeit sie zu bewältigen. Es stärkt unsere Frustrations- und Fehlertoleranz durch die Erfahrung, dass schlechte Zeiten vorrübergehen und wir - ganz praktisch - in der Lage sind unter schwierigen Umständen erfolgreich zu handeln.

Wer sich die Realität „wegträumt“ wählt eine Abkürzung, läuft Gefahr sich der Wirklichkeit zu entwöhnen und „aus dem Training“ zu kommen. Wird dann eine „negative Erfahrung“ unübersehbar, erleben untrainierte Menschen sie ungleich intensiver.

Das hat Folgen für die psychische Stabilität und Lebenszufriedenheit.

 

WOOP: Früher war mehr Rosa!

Was haben wir gelernt? Zuviel vorweggenommene Schönfärberei reduziert die Wahrscheinlichkeit unsere Ziele zu erreichen und hat das Potential sich negativ auf unsere Gesundheit und Lebenszufriedenheit auszuwirken.

Also: Sind (Erfolgs-) Träume jetzt verboten?

Das wäre nicht sinnvoll. Ganz von der Hand zu weisen ist es nicht, dass positive Ziele unsere Motivation fördern. Ein bisschen Rosa ist eben doch ganz schön. Kaum vorstellbar, sich für mausgraue Zukunftsvisionen richtig ins Zeug zu legen.

Die Frage ist, wie wir es schaffen können das Beste aus den Welten „Wunsch“ und „Realität“ erfolgreich unter einen Deckel zu bekommen.

Oettingers Antwort lautet kurz WOOP . Die Abkürzung für Wish (Wunsch), Outcome (Ergebnis), Obstacle (Hindernis) und Plan.

Dahinter steht der Ansatz des „mentalen Kontrastierens“. Eine Methode, um positive Zukunftsvisionen mit einer realistischen Betrachtung von Hindernissen zu kombinieren.

Der Trick dabei ist nicht nur überschäumende, realitätsferne und damit letztlich blockierende Visionen unter Kontrolle zu halten – Sie erinnern sich, dadurch fährt Ihr Energielevel herunter – sondern auch den Realitätsschock durch die frühzeitig Entwicklung von Handlungsalternativen zu mildern sowie erreichbare von unerreichbaren Zielen zu unterscheiden.

Praktisch funktioniert das etwa so:

  1. Wunsch: Überlegen Sie sich einen attraktiven oder realistischen Wunsch.

  2. Outcome: Vergegenwärtigen Sie sich was passiert, wenn sich ihr Wunsch erfüllt.

  3. Obstacle: Stellen Sie sich das schwerwiegendste Hindernis vor, das auftreten könnte.

  4. Plan: Entwickeln Sie Ihre Handlungsalternative, sollte das Hindernis Wirklichkeit werden (wenn X – dann Y).

Einfach, oder? Ich gebe gerne zu, dass dieses Prinzip recht banal klingt. Allerdings wäre es unangemessen hier wieder die hundertste, möchtegernrevolutionäre Methode zur Lösung aller Lebensprobleme zu wittern.

Erstens, weil WOOP auch keine Wunder bewirkt. Die Methode funktioniert nur dann, wenn Sie auch wirklich hinter einem Ziel stehen.

Zweitens, kann Oettinger ihre Methoden und die dahinterstehenden Theorie wissenschaftlich begründen und belegen. Da ist weitaus mehr, als das übliche Geschwurbel der Motivationsgurus gemeinhin bietet.

Also: Einen Versuch ist es wert. Und allemal billiger, als das fünfte halbseidene Motivationsseminar beim Think-Positive-Einpeitscher Ihres geringsten Misstrauens zu buchen.

 

Mehr zum Thema

Zeitungsartikel

Burkhard Straßmann: Träum das Problem!; Interview mit Gabriele Oettingen; Die Zeit; 18.12.2014

http://www.zeit.de/2014/50/wuensche-traeume-hoffnung-psychologie

Sarah Schmidt: So erreichen Sie Ihre Ziele - wissenschaftlich erprobt; Interview mit Gabriele Oettingen; Süddeutsche Zeitung; 31.12.2015

http://www.sueddeutsche.de/karriere/erfolgsstrategien-wissenschaftlich-erforscht-positives-denken-hindert-uns-daran-ziele-zu-erreichen-1.2702420

Gabriele Oettingen: Denken Sie lieber nicht zu positiv!; Harvard Business Manager; 11.11.2014

http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/auswirkungen-des-positiven-denkens-a-1001127.html


Fachartikel

Adriaanse, Oettingen, Gollwitzer, Hennes, Ridder, Wit: When planning is not enough: Fighting unhealthy snacking habits by mental contrasting with implementation intentions (MCII); European Journal of Social Psychology; 03.03.2010

http://www.woopmylife.org/bundles/customerwoop/download/Adriaanse,%20A.,%20Oettingen,%20G.%20et%20al.%20%282010%29.%20European%20Journal%20of%20Social%20Psychology.pdf

 
Duckworth, Grant, Loew, Oettingen, Gollwitzer: Self-regulation strategies improve self-discipline in adolescents: benefits of mental contrasting and implementation intentions; Educational Psychology; 14.09.2010

http://www.woopmylife.org/bundles/customerwoop/download/Duckworth,%20A.%20L.,%20Grant,%20H.%20et%20al.%20%282011%29.%20Educational%20Psychology.pdf


Oettingen, Gollwitzer: Strategies of setting and implementing goals: Mental contrasting and implementation intentions; Social psychological foundations of clinical psychology; 2010

https://www.woopmylife.org/bundles/customerwoop/download/Oettingen,%20G.,%20&%20Gollwitzer,%20P.%20M.%20%282010%29.%20In%20J.%20E.%20Maddux%20&%20J.%20P.%20Tangney%20%28Eds.%29.pdf

Eine Vielzahl weiterer Veröffentlichungen ist unter https://www.woopmylife.org/ abrufbar.


Bücher

Neben einem ausführlichen wissenschaftlichen Anteil, gibt Gabriele Oettingen auch viele praktische und leicht umsetzbare Tipps zur Anwendung der WOOP-Methode.

Gabriele Oettingen: Die Psychologie des Gelingens; Pattloch Verlag; 2015


Apps

Unter http://www.woopmylife.org ist eine kostenlose WOOP-App für Android- und Apple-Geräte verfügbar. Derzeit leider nur in englischer Sprache.

Bild: 96863555 @jorgophotograph/fotolia.com

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